Artikel aus der Mainpost vom 29.10.2011 von THOMAS FRITZ -
GIEBEISTADT Wieder muss Hilde Krause ihr Haus in Giebelstadt (Lkr.Würzburg) verlassen. Wieder wegen Bomben. Während der Angriffe 1944 und 1945 suchte sie Zuflucht im Keller des Nachbarhauses. Heute gebt sie in die Bücherei. 100 Meter neben ihrem Haus werden zwei Bomben entschärft. Zwei, die damals nicht explodierten. Bei Hilde Krause kommen die schrecklichen Bilder von damals wieder hoch.
In vier Wochen wird die rüstige Frau 91 Jahre alt. Die massiven Bombardierungen des Giebelstädter Flugplatzes und der Ortschaften im Umfeld hat sie als junges Mädchen hautnah erlebt. "So etwas vergisst man nicht", sagt sie. Im Keller gegenüber saß sie damals mit ihren Eltern und wartete darauf, dass die Sirene Entwarnung gibt. Ein Stück Obst hat sie sich mitgenommen. "Man wusste ja nie, wie lange das dauert", erinnert sie sich wieder.
Unterwegs zur Bücherei begegnet sie vielen Giebelstädtern an diesem sonnigen Freitagmorgen. Denn die beiden Blindgänger, zwei 45 Kilogramm schwere Fliegerbomben, liegen südlich der Florian-Geyer-Straße in einem Acker - nahe der Wohnbebauung. Etwa 150 Menschen leben im Sicherheitsbereich von 300 Metern und müssen ihr Haus verlassen. Auch ein Altenheim ist betroffen. Die 34 Bewohner werden für die Zeit der Entschärfung von zehn Mitarbeitern des Bayerischen Roten Kreuzes im benachbarten Evangelischen Gemeindezentrum untergebracht. Ein Supermarkt, kleinere Ge- schäfte, eine Zahnarztpraxis und eine Kfz-Werkstatt müssen vorüber gehend schließen.
Hilde Krause ist mittlerweile in der Bücherei. Eine junge Frau ist noch da. Verschlafen blickt sie drum. Eigentlich wollte sie ausschlafen, doch Polizisten klingelten sie wach. Sonst lässt sich an diesem Morgen hier niemand mehr blicken. Viele Giebelstädter sind arbeiten, andere pflegen ihre Friedhofsgräberoder sitzen im Café. Es ist nicht das erste Mal, dass ihre Häuser oder Wohnungen evakuiert werden.
Der Giebelstädter Wehrmachts- Fliegerhorst war während des Zweiten Weltkrieges immer wieder das Ziel massiver Bombenangriffe. Fünfmal flogen die Verbände der Alliierten den Forschungsflugplatz an und warfen dabei mehrere Tausend Bomben ab. Experten schätzen, dass zwischen fünf bis acht Prozent nicht explodierten. Also haben die Giebelstädter entschieden, systematisch nach diesen Blindgängern zu suchen. Das Ergebnis beeindruckt: 155 Blindgänger haben 'die Entschärfer mittlerweile unschädlich gemacht. Allein 99 davon lagen auf den Feldern rings um den Flugplatz.
Auch Hilde Krause hat einen solchen Bombenacker verpachtet. Zwei Stück hat der Kampfmittelbeseitiger Daniel Raabe aus ihrem Feld gebaggert. Die 90-Jährige ist verärgert. Es regt sie auf, dass sie für die Suche nach diesen Blindgängern jetzt auch noch Geld bezahlen muss. "Wir haben die Dinger doch nicht reingelegt", schimpft sie. Mit ihrer Wut steht die Giebelstädterin nicht alleine da. Viele betroffene Landwirte sehen dies ähnlich. Zwar beteiligen sich das bayerische Innen- und das Landwirtschaftsministerium -und das ist ein malig in Bayern - an den Kosten der Flächenräumung, trotzdem bleibt bei den Bauern ein gewisser Anteil. Zwischen 200 und 250 Euro pro Hektar werdet: sie am Ende zahlen.
Viertel vor elf geben die Sprengmeister aus Feucht Entwarnung. Die Zünder sind raus, die Bomben jetzt ungefährlich. Dass bislang noch nichts passiert ist, grenzt an ein Wunder. Einer der Blindgänger lag nur 50 Zentimeter unter der Erde mit dem Zünder nach oben. Hätte der Pflug ihn berührt und abgerissen, vom Landwirt und seinem Bulldog wäre nicht viel übrig geblieben. Hilde Krause macht sich wieder auf ihren Heimweg. Hier lagen die Scherben und zerbrochenen Dachziegel, hier führten hohe Militärs das Vieh vom Nachbarhof vorbei, der völlig ausbrannte, erinnert sie sich an damals. Und, dass sie es fast einmal nicht rechtzeitig in den Keller schaffte, weil ihre Mutter unbedingt noch die Wäsche aufhängen wollte.
Die Giebelstädter Feuerwehrsirene heult fünfmal auf. Fast hört es sich so an wie damals nach den Angriffen. Die Giebelstädter wissen, dass sie jetzt wieder nach Hause können. Trotzdem läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken.
(Bilder der Evakuierung des Altenheims und von der Bombenentschärfung unter www.mainnost.de/franken)